Transition Towns – Städte und Dörfer im Wandel

 

Einleitung

Mehr und mehr Menschen wird immer deutlicher bewusst, dass unser gegenwärtiger Lebensstil ein Auslaufmodell ist. Ob gewünscht oder nicht: wenn wir weiterleben und wirtschaften wie bisher, graben wir uns, unseren Kindern und Enkelkindern und vielen anderen Lebewesen die Existenzgrundlagen ab.

Was also tun?

Den Kopf in den Sand stecken und die Warnsignale ignorieren so lange es (bei uns) noch möglich ist?

Darauf warten und hoffen und vertrauen, dass die Politik die richtigen Entscheidungen treffen wird, weil wir meinen, dass wir als Einzelne sowieso nichts ändern können?

Oder:

Darauf bauen, dass Jede und Jeder im Kleinen oder Großen etwas bewegen kann?

Die Begriffe Selbstermächtigung, Empowerment und Potentialentfaltung sind im Rahmen der dritten genannten möglichen Re-Aktion auf die Weltlage in aller Munde und bilden eine der Grundlagen für die Strategie der Transition Town Bewegung (TTB).

Die aktiven Menschen aus den Transition Gruppen schaffen und öffnen im Sinne der hier vorliegenden Publikation Transformations-Räume, die zur Umsetzung der Sustainable Development Goals (SDGs) beitragen.

Seit 11 Jahren entstehen in mittlerweile mehr als 40 Ländern Transition Town Gruppen und entwickeln sich zu einem globalen Netzwerk mit gegenwärtig mehreren tausend Gruppen (da es keine Notwendigkeit gibt, sich beim Transition Network zu registrieren wird zur Zeit von schätzungsweise 5000 Initiativen weltweit ausgegangen). Als Bürger- oder Graswurzel-Bewegung erobert die TTB sowohl Dörfer und Regionen als auch kleine und große Städte.

Ihre Faszination und Anziehung besteht darin, Visionen und Träume eines enkeltauglichen Lebens und langfristig lebenserhaltender gemeinschaftlicher Nachbarschaften und Gemeinwesen nach dem Transition Motto „Einfach.Jetzt.Machen.“ direkt und unmittelbar umzusetzen.

Die Transition Town Gruppen sind lokal und regional verortet und aktiv, vernetzen sich jedoch global über das Transition Network mit Sitz in Großbritannien und in den einzelnen Ländern in landesweiten Netzwerken (sogenannten Hubs).

 

Samen

Die Samen für die TTB wurden 2006 in Totness in Großbritannien gelegt.

Einer der Begründer ist Rob Hopkins. „Hopkins ist Autor von Grundlagenwerken zu Transition Towns und forscht am Post Carbon Institute. Als Dozent in Irland baute Hopkins den ersten zweijährigen Vollzeitkurs für Permakultur am Kinsale College of Further Education auf. 2004 erfuhr er von der Peak-Oil-These. Gemeinsam mit seinen Studenten entwickelte er daraufhin für die Stadt Kinsale ein Programm, um den Energieverbrauch und die Abhängigkeit von Industrieprodukten zu verringern und die Resilienz der Kommune zu erhöhen. 2005 stellte Hopkins das Programm dem Stadtrat von Kinsale vor. Dieser nahm das Programm an, und Kinsale wurde die weltweit erste Transition Town („Stadt im Übergang“). Bald darauf zog Hopkins in seine Heimatstadt Totnes in der englischen Grafschaft Devon. Totnes folgte ab 2006 auf Anregung von Hopkins dem Beispiel von Kinsale.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Rob_Hopkins)

Seine aktuellen Projekte und Tätigkeiten: https://www.robhopkins.net/

 

Wurzeln

Die tiefsten Wurzeln der TTB sind in der Permakultur verankert.

„Permakultur ist ein auf ökologischen Prinzipien fußendes Gestaltungsprinzip, das den systematischen Rahmen für die Einführung einer dauerhaften oder nachhaltigen Kultur bildet. Es vereinigt die unterschiedlichen Fertigkeiten und Lebensweisen, die wir wiederentdecken und uns aneignen müssen, damit wir uns von abhängigen Konsumenten zu verantwortlichen Produzenten entwickeln. In diesem Sinne ist Permakultur nicht die Landschaft und auch nicht der ökologische Gartenbau, die nachhaltige Landwirtschaft, die energieeffiziente Bauweise oder das Ökodorfprojekt an sich, sondern sie dient als Entwurfsprinzip, auf dessen Grundlage alle diese von Einzelnen, Familien und Gemeinden unternommenen Bemühungen um eine nachhaltige Zukunft untermauert, organisiert und weitergeführt werden können.“ (David Holmgren, „Permaculture: Principles and Pathways beyond Sustainability“ in „Energiewende – Das Handbuch“, Verlag Zweitausendeins, 2010)

Die Permakultur hat drei ethische Komponenten mit folgenden Grundsätzen:

People Care – Sorge für Menschen tragen

Earth Care – Sorge für die gesamte Schöpfung tragen

Fair Share – Überschüsse teilen, mit Mensch und Tier, sowie dem Konsum Grenzen setzen.

 

Die Permakultur wendet also Prinzipien und Methoden an, um die Gesellschaft nachhaltiger zu gestalten und Gemeinschaften – ähnlich wie Biotope – „organisch“ zu organisieren. So kann gelebte Kooperation und Gemeinschaft zum gegenseitigen Nutzen entstehen.

Die Transition Town Bewegung liefert praktische Beispiele dafür. Diese reichen von Gemeinschaftsgärten (auch mit Hilfe der Permakultur geplant und umgesetzt) über Energiegenossenschaften, Solidarische Landwirtschaft bis hin zu regionalen Währungen und Carsharing Projekten. Ein Gemeinschaftsgarten kann zum Beispiel eine verbindende Wirkung auf die Gemeinde haben und gleichzeitig Wissen vermitteln und einen Beitrag zur Versorgung leisten.

 

Folgende Erkenntnisse liegen der Transition Town Bewegung zugrunde:

 

„stell dir vor... alles, was du brauchst…
der Sprit für dein Auto
das Öl für deine Heizung
das Benzin für den LKW, der dein Essen in den Supermarkt bringt
die Pflanzenschutzmittel zum Anbau des Gemüses, das du magst
die Plaste-Isolierung der Kabel für deinen Computer
die Farbe an deiner Tür

und all die tausenden und abertausenden Produkte, deren Verfügbarkeit wir für völlig normal halten (von Plaste-Mülltonnen & Verpackungsmaterial über Schuhe & Textilien bis hin zu Telefonen und Lego-Bausteinen)

...brauchen zur Herstellung Erdöl. Aber dieses Erdöl geht aus!

 

Sinkende Ölförderung, steigende Ölnachfrage - zwei gegenläufige Prozesse, ein Problem:

Wie sieht die Welt nach dem Ölzeitalter aus?
Wie reagieren wir auf explodierende Energiepreise?
Wie organisieren wir Transport?
Wie stellen wir die Produkte her, an die wir gewöhnt sind?
Können wir unser bisheriges Wohlstandsniveau überhaupt halten oder sind die Grenzen des Wachstums erreicht?
Brechen Konflikte um die letzten Ölreserven aus, wie am Beispiel des Irak-Krieges? Wir organisieren wir Wirtschaft & Versorgung?

 

Es ist beim Peak-Oil-Problem gar nicht so wichtig, wann der Höhepunkt der Erdöl-Förderung genau stattfindet: Ob er also bereits 2006 passiert ist oder erst 2020 passieren wird - in jedem Fall werden steigende Preise bei sinkendem Öl-Angebot massive Auswirkungen auf unser Leben haben.

 

Um Peak Oil etwas entgegenzusetzen, haben wir verschiedene Optionen, die teilweise jeder Mensch umsetzen kann, die teilweise auf politischer Ebene durch uns alle umgesetzt werden müssen:

Suffizienz / Genügsamkeit
Effizienzrevolution
Regionales Wirtschaften
intelligente Verkehrskonzepte
neue Technologien
Nutzung anderer Energiequellen, wie Sonnen-, Wind- und Wasserenergie
Neue Rohstoffe

Gründung von Energiewende-Initiativen - Vernetzungsplattform: www.transition-initiativen.de


Süchtig nach Energie und Rohstoffen

Das Verhalten, das wir als Menschheit an den Tag legen, unterscheidet sich kaum mehr von dem eines Heroinsüchtigen. Wir hängen an der Nadel. Wir sind süchtig nach Profit, Öl, Wachstum, Rohstoffen. Die Realität von sterbenden Menschen, zerstörter Natur und einem zerbröselnden System haben wir dabei längst ausgeblendet.

Aber sie holt einen eben doch ein. Und wahrscheinlich recht bald. Nämlich spätestens dann, wenn dem Junkie der Stoff ausgeht. Und das ist nunmehr mit jedem Tag zunehmend der Fall. Wir rasen auf die Wand zu und geben nochmal Vollgas. Einen Plan B gibt es nicht. Es ist wirklich absurd.

Es ist nicht nur ein Stoff, der uns ausgeht. Es sind alle.

Deshalb hat Richard Heinberg den Begriff „Peak Everything“ geprägt: Wir haben von allem das meiste verbraucht, jetzt geht es bergab. Während der Bedarf immer noch exponentiell steigt, nehmen die Reserven nunmehr beständig ab. Und damit bringen wir nicht nur das Ökosystem, sondern auch die Weltwirtschaft und die menschliche Zivilisation als Ganzes in Gefahr.“ (https://www.sein.de/peak-everything-uns-geht-der-stoff-aus/)

Die Antwort der Transition Town Bewegung auf die gegenwärtigen Herausforderungen kann unter den Oberbegriffen LOKAL UND RESILIENT zusammengefasst werden.

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) sieht die Transition Town Bewegung als Teil einer „Weltbürger*innen-Bewegung für den Klimaschutz“ und die Aktiven in den Transition Gruppen als „Pioniere des Wandels“, die konkret eine Transformation von unten initiieren und auch bereits vielfältige Projekte auf kommunaler Ebene realisieren. Die Bewegung ist inhaltlich so breit aufgestellt, dass sie bspw. fast alle der 17 SDGs in Form von Aktionen und konkreten Projekten thematisiert und pragmatische, konstruktiv-positive und einfach Lösungsansätze anbietet.

 

Verbreitung der Transition Town Bewegung

Die ersten Transition-Samen und -Keimlinge in Kinsale und Totness trafen auf fruchtbaren Boden, sodass sich in Großbritannien schnell viele lokale Gruppen bildeten. Nach kurzer Zeit verbreiteten sich die Idee und die sofort sichtbaren Projekte über die Grenzen hinaus auf das europäische Festland und auf die anderen Kontinente.

 

Transition in Deutschland:

Erste Inis 2008/2009: Aktive der ersten Stunde Transition nach Deutschland. Sie hielten erste Vorträge und legten so den Grundstein dafür, das Transition Town-Modell bekannt zu machen. Ende 2008 war es dann soweit: In Berlin Friedrichshain-Kreuzberg wurde die erste Transition Town aus der Taufe gehoben. Mitte 2009 folgten Witzenhausen, Beetzendorf (unweit des Ökodorfes Sieben Linden) und Bielefeld. Im Magazin GEO erschien ein Artikel über die Transition Town Totnes, es gab weitere Film- und Zeitungsberichte und Ende 2009 in Bielefeld den ersten deutschsprachigen Kurs „Training for Transition“. Die Idee verbreitete sich weiter. Insbesondere Gerd Wessling sorgte in den ersten Jahren für vernetzende Strukturen der ersten deutschsprachigen Transition Initiativen, er ist Mitbegründer des deutschen Transition Netzwerkes.

 

2009-2010: Die Bewegung wächst

Es entstanden weitere Initiativen in Deutschland, aber auch in Österreich (dort oft gekoppelt mit den Alternativforen von Franz Nahrada und Attac Österreich) sowie in der Schweiz (oft in Kooperation oder im Verbund mit „Neustart Schweiz“). Unter dem Titel „Energiewende” erschien im September 2008 das erste Handbuch zu Transition auf dem deutschen Markt und machte mit den Ideen einer relokalisierten, postfossilen Welt vertraut – mit Erfolg, denn 2010 waren schon rund 20 Initiativen am Start. Es folgten weitere Filme und insbesondere der Kultursender ARTE berichtete wiederholt über Transition und die Initiativen.

 

Seit 2010: Das Transition Netzwerk etabliert sich

2012 wurde vom Berliner Produzenten Nils Aguilar die Dokumentation Voices of Transition produziert, die 2013 in den deutschen Kinos lief.

Seit 2010 werden über die Website www.transition-initiativen.de Informationen ausgetauscht und halten die Gruppen untereinander Kontakt; die Website ist darüber hinaus eine Quelle der Inspiration für alle Beteiligten und Interessierten.

 Eine ähnliche Funktion erfüllen die bundesweiten Netzwerktreffen und (Un)Konferenzen, auf denen jeweils zwischen 70 bis 170 Menschen für zwei Tage zusammenkommen, um sich untereinander auszutauschen. An folgenden Orten fanden die Treffen bisher statt:

2010 Hannover

2011 Bielefeld

2012 Witzenhausen

2013 Gemeinschaft Schloss Tempelhof

2014 an den Helfensteinen bei Kassel

2015 in der Attac-Villa in Könnern bei Halle, (Un)Konferenz parallel zur ICCA in Hannover

2016 In Tra(i)nsition Town Tour, in deren Rahmen wir im Bergischen Land und Ruhrgebiet mit Rob Hopkins fünf Transition Orte besucht haben.

2017 in Planung: in Essen vom 15.-17.September unter dem Titel „Aufruhr“


Weitere Aspekte und Informationen aus dem Transition Netzwerk

Die Arbeitsstruktur des Netzwerkes befindet sich in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess. Da der Anspruch besteht, eine Struktur zu entwickeln, die nicht den klassisch hierarchischen Aufbau darstellt, besteht das Entscheidungsgremium zur Zeit aus einem Koordinierungskreis, dem Vertreter verschiedener Arbeitsgruppen angehören. Entscheidungen werden nach einem abgestuften Konsensmodell getroffen. Die Struktur ist nicht starr. Das Netzwerk wird als von unten getragen und nicht von oben gelenkt begriffen.

Die Transition-Charta wurde beim Netzwerktreffen 2015 im Konsens beschlossen. Sie stellt das Selbstverständnis, die Werte, Ziele, Strategien und Herangehensweisen der Bewegung dar und verortet sich gesellschaftlich. (Transition Charta)

Es werden Trainings für Transition angeboten. Diese „Werkzeuge des Wandels 1 und 2“ bieten neuen Interessierten aber auch bereits arbeitenden Gruppen Gelegenheiten einen Einstieg, bzw. Fortbildungen zu bekommen. (Gründung einer Initiative)

Befreundete Bewegungen: Die Transition Town Bewegung hat Kontakt und Verbindung zu anderen transformativen Bewegungen, wie zum Beispiel dem Netzwerk Solidarische Landwirtschaft, der Degrowth Bewegung, dem Global Ecovillage Network, der Permakulturbewegung, der Gemeinwohlökonomie-Bewegung, der Urban Gastritiden Bewegung und anderen Gruppen und Netzwerken

 



 

 

 

                                       Programm-Flyer

Mo Di Mi Do Fr Sa So
1
3
6
7
8
9
10
12
13
14
16
17
19
20
21
22
24
26
27
29
31
© 2017 Göttingen im Wandel